Für immer ?- Ja, für immer.
Wie schön sie war, dachte er. Ihre Haare schimmerten golden in der Sonne. Er hatte ihr Haar immer gemocht. In der Hand hielt sie einen Koffer, um sie herum waren Kisten und Kartons mit ihrem Hab und Gut gestapelt. Der Lastwagen würde bald kommen, um diese Dinge mitzunehmen und sie würde in ihr knallrotes Cabriolet steigen, diese Straße entlangfahren und nie, nie mehr zurückkehren. Warum war ihm nie aufgefallen, wie schön sie geworden war? Und jetzt, da der Abschied nahte, wünschte er sich, es wäre alles anders gekommen...drei Jahre zuvor. Aber sie waren Freunde geblieben, dachte er sich. Ja, sie hatten den Kontakt nie abgebrochen. Damals hatten ihm die Worte gefehlt. Heute, dachte er sich, hätte er es besser gemacht. Heute hätte er nicht so gehandelt, wie damals. Er sah sie an, sah diese verträumten grau-blauen Augen, sie hatten sich nicht verändert. Sie blickten immer noch wie früher, in ihnen war immer noch dieser Hauch von Melancholie, die sie so geheimnisvoll machten. Warum hatte er sich eingebildet, sie hätten sich verändert, vor drei Jahren? Und jetzt, würde sie gehen, für immer. Ich hab’ einen Platz bekommen auf der Uni in Rom!, hatte sie gesagt, Ich werde umziehen!.
Du gehst?, hatte er gefragt.
Ja, ich gehe.
Für immer?.
Ja, für immer.
Kein Abschied war für immer gewesen, keiner. Auch nicht der Tag, vor drei Jahren, als er ihr das Herz gebrochen hatte. Als ihm die Worte gefehlt hatten. Heute hätte er es anders gemacht, heute hätte er ihr nicht das Herz gebrochen. SIE hätte ihm auch damals nicht das Herz gebrochen. Und jetzt stand sie da vor ihm, er brauchte nur die Hand ausstrecken um mit ihren Haaren zu spielen. Ob ihre Lippen noch immer so schmeckten wie damals? Ob sie noch immer so warm und weich waren? Er hätte es gerne ausprobiert, doch ihm fehlte der Mut, genau wie damals. Er hatte Angst gehabt .Sie hatte ihn alles vergessen lassen. Sie hatte das wohlige Gefühl tief in seinem Herzen überdeckt. Sie hatte ihm die Worte fehlen lassen. Die Angst war schuld, dachte er. Warum hatte er bei all den Mädchen danach keine Angst gehabt? Weil Sie nie das innerste seines Herzens erreicht hätten. SIE hatte danach niemanden mehr gehabt.
Bitte geh nicht, ich brauche dich so, hatte sie gesagt.
Es ist das Beste für uns beide, hatte er geantwortet.
Nein ist es nicht!
Irgendwann wirst du es auch verstehen.
Nein ich werde es niemals verstehen.
Er wusste, sie hatte es nie verstanden. Er hatte es selbst nicht verstanden. Sie hatte geweint. Er hatte weggesehen, damals. Heute hätte er anders gehandelt. Heute hätte er sie nicht weinend stehen lassen. SIE hätte ihn niemals weinend stehen lassen. Er wusste, er hatte ihr sehr wehgetan. Aus Angst, er könnte sie zu sehr lieben. Aus Angst, sie könnte ihn verletzen. Sie hatte keine Angst gehabt. Sie hatte ihr Herz in seine Hände gelegt... damit er es brechen konnte. Jetzt würde SIE gehen, für immer. Wenn sie für immer sagte, meinte sie das auch so. Er wusste, dass sie nie aufgehört hatte ihn zu lieben. Ihm wurde klar, dass er auch nie damit aufgehört hatte. Die Angst hatte es ihn nur übersehen lassen.
Ich muss gehen. Lebewohl, sagte sie, ich wünsche dir alles Gute.
Lebewohl, ich dir auch.
Melde dich ab und an.
Ich habe dich geliebt.
Melde dich.Versprichst du das?
Ich habe dich sehr geliebt.
Versprichst du das?
Ich habe dich so sehr geliebt.
Versprichst du, dass du dich meldest?
Ich habe nie aufgehört dich zu lieben.
Er sah die Tränen in ihren Augen. Sie stieg in ihr Auto. Er hätte nur einen Schritt machen müssen. Sie startete den Motor. Er hätte nur –ich habe dich auch geliebt und tue es immer noch- sagen müssen. Sie fuhr los. Er hätte sie nur um Verzeihung bitten müssen. Sie fuhr immer schneller. Er beobachtete das kleine rote Cabriolet bis es nicht mehr zu sehen war. Die Straße war leer und sein Herz zerbrach in tausend Stücke.
Die Angst ist schuld, sagte er sich, die Angst, für immer, ja, für immer.
G.I.
